Seit diesem Montag hat Elizabeth frei, "Shrek" ist endlich verschwunden aus dem Theater, in dem sie arbeitet, und wir haben versucht, die Zeit, die schnell dahinschwindet, so gut wie möglich gemeinsam zu genießen. Leider ist es ein süß-saurer Genuss, weil wir wissen, dass die Zeit, die wir gemeinsam verbringen, nur begrenzt ist.
Ich denke, dass dies für die Dauer meiner Anwesenheit zunächst der letzte Blogeintrag ist. Zwar bin ich noch fast zwei Wochen lang hier, aber am Sonntag morgen fahren wir auf unseren finalen Roadtrip, von Seattle, die Pazifikküste entlang, mit Zwischenstopps in den majestätischen Redwoods, nach San Francisco. Insgesamt 8 Tage lang werden wir unterwegs sein, und wenn wir wieder in Seattle aufschlagen, dann ist es Zeit für mich, zusammenzupacken, die Tränen aus den Augenwinkeln zu wischen, und mich nach Deutschland zu verabschieden.
Am Samstag haben wir aber noch zwei Highlights vor uns: Nachmittags schauen wir uns mit Elizabeth's Familie das vorletzte Saisonspiel der Seattle Mariners gegen die Oakland Athletics aus der Luxussuite aus an: Elizabeth's
dad, der als Redakteur bei der Seattle Times arbeitet, hat die Tickets von seinem Verleger bekommen. Abends sind Elizabeth und ich dann auf die Hochzeitsfeier einer Schulfreundin von ihr eingeladen, die an Bord eines Schiffes auf dem Lake Washington stattfindet.
Kochen, Essen, das Treffen von Elizabeth's Eltern, ihrer Freundin Nicki, gemeinsames Rumhängen, spazieren gehen,
catch spielen, das hat die vergangene Woche, die ich selber als sehr entspannt erlebt habe, ausgemacht. Gestern zum Beispiel waren wir im University District, also dem Stadtteil, in dem die University of Washington liegt, um uns mit Nicki zu treffen. Das Semester hatte gerade begonnen, der Campus war überfüllt von gut gekleideten, gut gelaunten jungen Menschen und Promotion-Ständen großer Konzerne. Wir haben uns in ein kleines libanesisches Restaurant abgesetzt, Falafel gegessen, ich habe Nicki, die Kunstgeschichte studiert, kennengelernt, wir haben rumgealbert und uns schliesslich noch einen Kaffee im Café Allegro, einem sehr netten Kaffeehaus am Rande des Campus genehmigt. Ich war schon vor sechs Jahren, als Elizabeth noch an der UW studiert hat, im Allegro, die superleckeren fair trade-Kaffee anbieten, und finde insbesondere die großen Fnster toll, die vorher auf einen kleinen Parkplatz hinausblickten. Jetzt ist dort eine riesige, zehn Meter tiefe (!) Baustelle, an deren Stelle ein neues Gebäude entsteht, das die attraktive Lage des seit über 35 Jahren bestehenden Cafés komplett zerstören wird.
Die Anzahl der obdachlosen Menschen in Seattle ist - so jedenfalls meine subjektive Einschätzung, wenn ich mit dem Bus fahre, oder durch die Stadt gehe, höher als in vergleichbaren deutschen Städten. Gerade
downtown gibt es an fast jeder Straßenecke, vor jedem Supermarkt VerkäuferInnen der Straßenzeitung
Real Change - von jeder verkauften Ausgabe gehen 65 Cent an die Verkäuferin/den Verkäufer. Viele Bushaltestellen in der Innenstadt, insbesondere am Pike Place Market, wo viele obdachlose Menschen zu finden sind, haben keine Bänke, sondern nur Planken, an die mensch sich anlehnen kann, wenn sie/er nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag auf den Bus wartet. Es soll sich bloß niemand allzu bequem machen können, so offensichtlich das Motto. Insbesondere bei der Fahrt
in die Stadt stehen an vielen Ampelkreuzungen, auf der Fahrerseite, Männer und Frauen, die auf Schildern um eine kleine Spende für sich bitten - etwas, was ich in Deutschland bisher nicht erlebt habe. Es wäre interessant, mehr darüber zu erfahren, wie erfolgreich die Stadtverwaltung und die Polizei in der Innenstadt, dort wo die Touristen und Geschäftsleute unterwegs sind, Obdachlose und Herumlungernde vertreiben, ob und wie viele Übernachtungsmöglichkeiten es gibt, und wo es kostenloses Essen gibt.
Da ich mich mittags fast jeden Tag mit Elizabeth in ihrer Pause getroffen habe, habe ich viel Zeit
downtown verbracht und bin aus Interesse durch ein paar teure Geschäfte geschlendert. Als sehr verstörend wahrgenommen habe ich, dass es an den Ausgängen der meisten Geschäfte kleine Nischen gibt, in denen mensch sich in der Mittagspause oder vor einem wichtigen Geschäftstermin noch schnell die Schuhe putzen und polieren lassen kann. Angesichts der Tatsache, dass die meisten Geschäftsleute weiß, die Schuhputzer aber fast ausschließlich
african americans sind, kann ich den Gedanken an die Fortführung ethnischer Rollenzuschreibungen nur mühsam unterdrücken.
Eines der großen Highlights der vergangenen Woche war das Konzert mit
Menomena und einer meiner Lieblingsbands,
The National, am Freitag in einem alten Theater, dem Moore Theatre. Das Konzert war ein Benefit, ausgerichtet von der NCGA (National Cooperative Grocers Association), einem Zusammenschluß kooperativer Bioläden.Die Einnahmen aus dem Konzert gingen an Landwirte im Mittleren Westen der USA, die ökologischen/biologischen Landbau betreiben und in diesem Sommer bei den verheerenden Überschwemmung des Mississippi River einen Großteil der diesjährigen Ernte verloren haben. Zunächst war es zwar merkwürdig, ein Indierock-Konzert in einem Theater auf einem Sitzplatz zu sehen, aber glücklicherweise stand das Publikum bei den phantastischen The National, war aber auch trotz des sitzenden Zuhörens sehr aufmerksam bei der ersten Band, Menomena.
Auch hier ein interessanter Nebenaspekt, dass an das Publikum nach dem Konzert am Ausgang Kostproben eines neuen Energy Drinks verteilt wurden: fair gehandelt und bio. Ein Energy Drink, der hauptsächlich aus grünem Tee besteht.
Ein weiteres Highlight war die kostenlose Lesung mit Paul Auster in der Seattle Public Library am vergangenen Mittwoch, bei der Auster mit einer tollen Lesestimme Teile aus seinem neuen Roman Man In The Dark vorgelesen hat. Ich, genauso wie Elizabeth, habe, trotz guten Willens, bisher noch keines seiner Bücher ganz gelesen, was sich hoffentlich im Anschluss an diese sehr gute Promotion-Lesung ändern wird.
Wo kommen übrigens die ganzen Deutschen her? Seitdem ich hier in Seattle bin, höre ich an fast jeder Straßenecke deutsche Wortfetzen. Im Wassertaxi nach Alki Beach waren es sächsisch gefärbte Wortfetzen, an der Bushaltestelle wartend ging eine modellhafte, junge Kleinfamilie, die deutsch sprach, an mir vorbei. Im Bus am North Seattle Community College: wieder deutsch. An der Ampel, schnell noch die Strasse überquerend: "Schaffen wir das noch? Los, schnell." Im Whole Foods am vergangenen Montag traf ich vor mir an der Kasse einen Mann und eine Frau, die gerade aus München nach Seattle gezogen waren. Ist es Zeit, mich wegen Verfolgungswahn in Behandlung zu begeben?
Um euch nicht weiter unnötig mit meinem Geschwafel die Zeit zu rauben, zeige ich euch am Ende noch ein paar Photos aus der vergangenen Woche...

Panorama von Seattle, Blick von einem Hügel in Queen Anne. Mit scharfen Augen lässt sich erahnen, dass der 150 km entfernte Mt. Rainier, halb in den Wolken verschwunden, im Hintergrund lauert. Übrigens lauerten auch hier zwei (inkl mir wohl drei) deutsch sprechende Menschen herum.

Elizabeth, Gewinnern des Golden Glove Award.
Team: Wacker Moppelbärenhausen AAA.

Markus nach einem missglückten Fang, mit schmerzverzerrtem Gesicht.
Team: Wacker Moppelbärenhausen A.

Leider etwas verschwommen wegen des Regenwetters am vergangenen Samstag, aber dies ist eine Statue von V. I. Lenin in Fremont, einem Stadtteil von Seattle, die ursprünglich im slowakischen Poprad stand.
Wikipedia.

Politische Verirrung Teil II, im selben Stadtteil an einem Wohnhaus.
itshardertotell - 26. Sep, 20:10