Dienstag, 12. Mai 2009

Over and Out...

Musings Of A Moppelbear hat eine neue Heimat, nachdem mich die Limitiertheit von twoday doch auf die Dauer arg genervt hat. Ab sofort gibt es neue, und ein Archiv der alten Posts auf
http://moppelberrypie.wordpress.com/

Ein weiteres Blog von mir ist zu finden unter
http://nwmkyrwn.wordpress.com

Baba.

Dienstag, 2. Dezember 2008

Seattle #8 ))))))) Reise #1 )))))))

Samstag. Seattle_Kirkland_Lake Washington.

Ein kühler, aber sonniger Samstagmorgen Ende September. Elizabeth und ich schälen uns früh aus dem Bett, die vorbereitete Kaffeemaschine setzt sich, und dann durch das ausgespuckte Produkt uns in Bewegung, weil wir nämlich unser Mietauto im University District abholen müssen. Es ist noch früh, als wir am westlichen Stadtrand von Seattle mit unserer temporären Luxuskarosse wieder aus dem dünnen Verkehr auftauchen. Wir sind in Golden Gardens, einem kleinen Park mit Sandstrand und einem - leider nicht heute - atemberaubenden Blick auf die Olympic Mountain Range, einem unserer ursprünglich ins Auge gefassten Ausflugsziele. Die Silhouetten der Berge verraten trotzdem, dass es ein atemberaubendes Ausflugsziel gewesen wäre - und hoffentlich irgendwann konkret wird.

049
v.l.: Elizabeth, Lance, Mary Ann, Caroline und Lee.

Ausflugsziel des heutigen Samstags ist, und dafür holen uns Mary Ann und Lance, die Eltern von Elizabeth gegen Mittag ab, Safeco Field. Aufmerksame Leser_innen dieses Blogs dürften sich erinnern, dass es sich hierbei um das Baseball-Stadion handelt, in dem die Seattle Mariners an diesem Samstag ihr vorletztes Spiel einer vollkommen verkorksten Saison gegen die Oakland Athletics spielen werden. Am Sonntag Abend werden die Mariners das erste Team in der Geschichte der Major League Baseball sein, das mit einem jährlichen Mannschaftsgehalt von insgesamt $ 1oo,ooo,ooo (read: Einhundert Millionen US-Dollar) das Kunststück schafft, mehr als 1oo Spiele (von 16o+ Spielen) in einer Saison zu vergeigen. Mir ist die (fehlende) Qualität der Mannschaft in dem Moment jedoch egal, schließlich kann ich dank der Kontakte von Elizabeth's Vater, der für uns sechs Personen (Elizabeth's Schwester Caroline und deren Freund Lee sind auch dabei) Karten für Logen direkt hinter der Homeplate besorgt hat. den Platz einnehmen, den ich normalerweise bei den Tübingen Hawks in der zweiten Baseball Bundesliga einnehme: Dort bin ich ebenfalls der stille Beobachter in der ersten oder zweiten Reihe. Auch wenn sie die spielerische Qualität nur um Bruchteile unterscheidet, eines ist bei beiden Erlebnissen gleich: Ich esse Pommes (hier mit viel Knoblauch!), trinke viel Kaffee, und ich bezahle keinen Eintritt. Nur dass den Spielern die Bälle mit 15o-16o Stundenkilometern um die Ohren fliegen, anstatt mit geschätzten 1oo km/h, deutet an, dass wir uns im Land der Freiheit befinden. Lance ist Redakteur bei der Seattle Times, deren Mehrheitseigner offensichtlich Karten für das ganze Jahr hat, Inklusive in diesen Luxustickets ist übrigens ein opulentes Buffet-Mittagessen in der Lounge vor dem Spiel, und während des Spiels ein unbegrenzter Nachschub an Popcorn, Erdnüssen, Bier, Cola, Kaffee und Softeis, das mensch sich selbst aus der Maschine in einen kleinen Mariners-Helm einlassen und mit einer schicken Kirsche verzieren kann. Eine einmalige Gelegenheit, die ich mir natürlich nicht entgehen lasse. Sowas würde bei den Hawks noch fehlen.

Ein gut gefüllter Bauch und ein Atem, der die vorher verschlungenen garlic fries nicht verhehlen kann, sind keine Ausrede, nicht auch noch den letzten Programmpunkt des Tages in Angriff zu nehmen. Mit Elizabeth's Freundin Nikki gehen wir auf die Hochzeitsfeier einer gemeinsamen Freundin der beiden aus ihrer High School-Zeit. Um das Gefühl, ich hätte meine Zeit in den USA im Luxus verbracht, noch zu unterstützen: Die Hochzeitsfeier findet während einer zweistündigen abendlichen Bootsfahrt auf dem Lake Washington statt. Hochzeitsfeiern sind nicht meine favorisierte Form der Abendunterhaltung - sowohl mir als auch Nikki und Elizabeth ist während des ganzen Abends ein ähnliches Gefühl anzumerken - für mich allerdings ist das alles gar nicht so schlimm, schließlich kenne ich außer den beiden vorher genannten niemanden und kann es genießen, mir Seattle und die Umgebung aus einer ganz anderen Perspektive anzuschauen. Zudem ist es natürlich spannend, zu beobachten, wie genau die Hochzeitsfeier stattfindet, welche Rituale und Programmpunkte es gibt. Und: Ältere Männer, die sich über Politik und insbesondere abfällig über Politikerinnen unterhalten, gibt es sowohl dies- als auch jenseits des Atlantiks.

Nachtrag _ Teil 2 _ Sonntag. Seattle/Olympia/Oregon/Crescent City.

Sonntag früh, nochmal zeitiges Aufstehen, weil heute das kleine große Abenteuer beginnt...

Elizabeth übernimmt das Steuer und die Verantwortung - ich dagegen die Aufgaben des Navigators, Cheerleaders und Discjockeys. Ich habe den Vorteil des Beifahrersitzes, der es mir erlaubt, während der Fahrt vornehmlich aus dem Fenster zu sehen und alles auf mich wirken zu lassen. Ein Zwischenhalt in Olympia, Wa gibt uns die Gelegenheit, die Stadt auf einem kleinen Spaziergang zu erlaufen, einen Kaffee zu holen - und darüber nachzudenken, warum Olympia vielleicht so besonders ist: Kill Rock Stars, K Records, politischer Aktivismus, Riot Grrrl... ganz viel passiert hier!

Auch der weitere Weg ist aufregend: Ungefähr acht Stunden Fahrzeit durch Washington, den Staat Oregon und dann in den nordwestlichen Zipfel von Kalifornien. Für mich, der diese Strecke noch nicht kennt und nie südlich von Portland (im äußersten Norden von Oregon) war, sind die Eindrücke, insbesondere in den Bergen in Oregon, um Eugene und südlich davon, gewaltig, beeindruckend, unvergesslich. Wir durchfahren auf der Autobahn riesige zusammenhängende Waldgebiete, lassen neben uns Hügel, Berge, und Gebirgsketten liegen. Darüber breitet sich ein strahlend blauer Himmel aus. Ab und zu passieren wir eine Stadt, die die wunderschöne Monotonie der Fahrt durchbricht. Im Radio steuern wir Indierock und Bluegrass an. Je weiter südlich wir fahren, desto wärmer, desto heißer wird es. Auf einer Raststätte, auf tausend Metern gelegen, schlägt uns beim Öffnen der Türen erstmals die Hitzewelle entgegen.
In Grant's Pass verlassen wir die Autobahn und fahren auf einer zweispurigen Strasse weiter nach Crescent City, wo wir unsere erste Übernachtung geplant haben. Der Eindruck, hier beginne das Hinterland, drängt sich förmlich auf: Während in den urbanen Zentren, in denen wir uns in liberaler Atmosphäre geborgen fühlen, vor allem Schilder in Vorgärten sehen, die für einen sofortigen Abzug aller amerikanischer Truppen aus dem Irak eintreten, stehen hier große Schilder an der Straße; "United States Out Of The U.N.!" Die Wohn- und Lebensverhältnisse werden sichtbar prekärer - womit verdienen die Leute hier wohl ihr Geld? Wahrscheinlich mit Landwirtschaft und logging. Um den Norden und große Teile abseits der Pazifikküste in Kalifornien steht es wirtschaftlich nicht besonders gut, auch politisch wird hier vor allem republican gewählt.

Das Radio sendet ein Interview mit Wayne Kramer, dem Gitarristen der Detroiter Agit-Prop-Band MC5, der von seinem Aufwachsen in Detroit erzählt, von musikalischen und politischen Einflüssen. Leider ist der Sender, obwohl es sich um Satellitenradio handelt, irgendwann weg, je kurviger, enger die Strassen und dichter die Wälder werden. Kurz vor Crescent City erreichen wir den ersten Teil der Redwoods, die Vegetation wird grüner, feuchter, dichter. Neben den irrsinnig hohen Redwoods gibt es vor allem Moose und Farne, die Baumstämme reichen bis direkt an die Strasse heran. In diesen Wäldern, unter diesen Bäumen werden wir ab morgen wandern gehen.

Crescent City.
Der alte Leuchtturm nur wenige Meter vor der Küste in Crescent City.

Nach kurzer Suche in Crescent City finden wir unser Motel stadtauswärts in Richtung Süden, die Curly Redwood Lodge, die, so sagt zumindest die von den Betreibern kolportierte Legende, Mitte der 5oer Jahre komplett (ca. 3o Zimmer) aus dem Holz von nur einem Redwood Tree gebaut wurde. Nach einer kurzen Verschnaufpause machen wir uns zu Fuß auf den Weg in diese merkwürdige Stadt. 1964 wurden große Teile der direkt an der Pazifikküste gelegenen Innenstadt von Crescent City bei einem Tsunami zerstört. Es dauerte offensichtlich einige Jahre, ehe die zerstörten Teile der Stadt an gleicher Stelle wieder aufgebaut wurde, allerdings konnte die Entwicklung der Stadt nicht mit der ambitionierten Planung Schritt halten. Direkt am Meer befindet sich ein Luxushotel, daneben stehen etwas traurig mehrere Einfamilienhäuser zum Verkauf. Die Gehwege, wenn es sie noch gibt, sind von Unkraut überwuchert, auf den sehr breiten Straßen fahren so gut wie keine Autos, kaum eine Menschenseele ist in dieser Fast-Geisterstadt, in der immer wieder große unbebaute Löcher klaffen, auf der Straße zu sehen. Crescent City macht einen deprimierenden, desolaten Eindruck, obwohl es vor langer Zeit eine wohlhabende Stadt gewesen sein muss, die über den ersten Seehafen von Nordkalifornien verfügte, direkt an den Routen der Goldsucher lag, und durch die ein Großteil des in der Umgebung gerodeten Holzes verschifft wurde.
Auch kulinarisch ist Crescent City nicht unbedingt eine Metropole. Während Elizabeth die Nahrungsaufnahme angesichts der Qualität des asiatischen Essens verweigert und sich ein Erdnußbutterbrot schmiert, schlinge ich das Essen, obwohl es auch mir nicht sonderlich gut schmeckt, mit Todesverachtung herunter.

Freitag, 26. September 2008

Seattle #7 _ Eine Woche später.

Seit diesem Montag hat Elizabeth frei, "Shrek" ist endlich verschwunden aus dem Theater, in dem sie arbeitet, und wir haben versucht, die Zeit, die schnell dahinschwindet, so gut wie möglich gemeinsam zu genießen. Leider ist es ein süß-saurer Genuss, weil wir wissen, dass die Zeit, die wir gemeinsam verbringen, nur begrenzt ist.

Ich denke, dass dies für die Dauer meiner Anwesenheit zunächst der letzte Blogeintrag ist. Zwar bin ich noch fast zwei Wochen lang hier, aber am Sonntag morgen fahren wir auf unseren finalen Roadtrip, von Seattle, die Pazifikküste entlang, mit Zwischenstopps in den majestätischen Redwoods, nach San Francisco. Insgesamt 8 Tage lang werden wir unterwegs sein, und wenn wir wieder in Seattle aufschlagen, dann ist es Zeit für mich, zusammenzupacken, die Tränen aus den Augenwinkeln zu wischen, und mich nach Deutschland zu verabschieden.

Am Samstag haben wir aber noch zwei Highlights vor uns: Nachmittags schauen wir uns mit Elizabeth's Familie das vorletzte Saisonspiel der Seattle Mariners gegen die Oakland Athletics aus der Luxussuite aus an: Elizabeth's dad, der als Redakteur bei der Seattle Times arbeitet, hat die Tickets von seinem Verleger bekommen. Abends sind Elizabeth und ich dann auf die Hochzeitsfeier einer Schulfreundin von ihr eingeladen, die an Bord eines Schiffes auf dem Lake Washington stattfindet.

Kochen, Essen, das Treffen von Elizabeth's Eltern, ihrer Freundin Nicki, gemeinsames Rumhängen, spazieren gehen, catch spielen, das hat die vergangene Woche, die ich selber als sehr entspannt erlebt habe, ausgemacht. Gestern zum Beispiel waren wir im University District, also dem Stadtteil, in dem die University of Washington liegt, um uns mit Nicki zu treffen. Das Semester hatte gerade begonnen, der Campus war überfüllt von gut gekleideten, gut gelaunten jungen Menschen und Promotion-Ständen großer Konzerne. Wir haben uns in ein kleines libanesisches Restaurant abgesetzt, Falafel gegessen, ich habe Nicki, die Kunstgeschichte studiert, kennengelernt, wir haben rumgealbert und uns schliesslich noch einen Kaffee im Café Allegro, einem sehr netten Kaffeehaus am Rande des Campus genehmigt. Ich war schon vor sechs Jahren, als Elizabeth noch an der UW studiert hat, im Allegro, die superleckeren fair trade-Kaffee anbieten, und finde insbesondere die großen Fnster toll, die vorher auf einen kleinen Parkplatz hinausblickten. Jetzt ist dort eine riesige, zehn Meter tiefe (!) Baustelle, an deren Stelle ein neues Gebäude entsteht, das die attraktive Lage des seit über 35 Jahren bestehenden Cafés komplett zerstören wird.

Die Anzahl der obdachlosen Menschen in Seattle ist - so jedenfalls meine subjektive Einschätzung, wenn ich mit dem Bus fahre, oder durch die Stadt gehe, höher als in vergleichbaren deutschen Städten. Gerade downtown gibt es an fast jeder Straßenecke, vor jedem Supermarkt VerkäuferInnen der Straßenzeitung Real Change - von jeder verkauften Ausgabe gehen 65 Cent an die Verkäuferin/den Verkäufer. Viele Bushaltestellen in der Innenstadt, insbesondere am Pike Place Market, wo viele obdachlose Menschen zu finden sind, haben keine Bänke, sondern nur Planken, an die mensch sich anlehnen kann, wenn sie/er nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag auf den Bus wartet. Es soll sich bloß niemand allzu bequem machen können, so offensichtlich das Motto. Insbesondere bei der Fahrt in die Stadt stehen an vielen Ampelkreuzungen, auf der Fahrerseite, Männer und Frauen, die auf Schildern um eine kleine Spende für sich bitten - etwas, was ich in Deutschland bisher nicht erlebt habe. Es wäre interessant, mehr darüber zu erfahren, wie erfolgreich die Stadtverwaltung und die Polizei in der Innenstadt, dort wo die Touristen und Geschäftsleute unterwegs sind, Obdachlose und Herumlungernde vertreiben, ob und wie viele Übernachtungsmöglichkeiten es gibt, und wo es kostenloses Essen gibt.

Da ich mich mittags fast jeden Tag mit Elizabeth in ihrer Pause getroffen habe, habe ich viel Zeit downtown verbracht und bin aus Interesse durch ein paar teure Geschäfte geschlendert. Als sehr verstörend wahrgenommen habe ich, dass es an den Ausgängen der meisten Geschäfte kleine Nischen gibt, in denen mensch sich in der Mittagspause oder vor einem wichtigen Geschäftstermin noch schnell die Schuhe putzen und polieren lassen kann. Angesichts der Tatsache, dass die meisten Geschäftsleute weiß, die Schuhputzer aber fast ausschließlich african americans sind, kann ich den Gedanken an die Fortführung ethnischer Rollenzuschreibungen nur mühsam unterdrücken.

Eines der großen Highlights der vergangenen Woche war das Konzert mit Menomena und einer meiner Lieblingsbands, The National, am Freitag in einem alten Theater, dem Moore Theatre. Das Konzert war ein Benefit, ausgerichtet von der NCGA (National Cooperative Grocers Association), einem Zusammenschluß kooperativer Bioläden.Die Einnahmen aus dem Konzert gingen an Landwirte im Mittleren Westen der USA, die ökologischen/biologischen Landbau betreiben und in diesem Sommer bei den verheerenden Überschwemmung des Mississippi River einen Großteil der diesjährigen Ernte verloren haben. Zunächst war es zwar merkwürdig, ein Indierock-Konzert in einem Theater auf einem Sitzplatz zu sehen, aber glücklicherweise stand das Publikum bei den phantastischen The National, war aber auch trotz des sitzenden Zuhörens sehr aufmerksam bei der ersten Band, Menomena.
Auch hier ein interessanter Nebenaspekt, dass an das Publikum nach dem Konzert am Ausgang Kostproben eines neuen Energy Drinks verteilt wurden: fair gehandelt und bio. Ein Energy Drink, der hauptsächlich aus grünem Tee besteht.

Ein weiteres Highlight war die kostenlose Lesung mit Paul Auster in der Seattle Public Library am vergangenen Mittwoch, bei der Auster mit einer tollen Lesestimme Teile aus seinem neuen Roman Man In The Dark vorgelesen hat. Ich, genauso wie Elizabeth, habe, trotz guten Willens, bisher noch keines seiner Bücher ganz gelesen, was sich hoffentlich im Anschluss an diese sehr gute Promotion-Lesung ändern wird.

Wo kommen übrigens die ganzen Deutschen her? Seitdem ich hier in Seattle bin, höre ich an fast jeder Straßenecke deutsche Wortfetzen. Im Wassertaxi nach Alki Beach waren es sächsisch gefärbte Wortfetzen, an der Bushaltestelle wartend ging eine modellhafte, junge Kleinfamilie, die deutsch sprach, an mir vorbei. Im Bus am North Seattle Community College: wieder deutsch. An der Ampel, schnell noch die Strasse überquerend: "Schaffen wir das noch? Los, schnell." Im Whole Foods am vergangenen Montag traf ich vor mir an der Kasse einen Mann und eine Frau, die gerade aus München nach Seattle gezogen waren. Ist es Zeit, mich wegen Verfolgungswahn in Behandlung zu begeben?

Um euch nicht weiter unnötig mit meinem Geschwafel die Zeit zu rauben, zeige ich euch am Ende noch ein paar Photos aus der vergangenen Woche...

Seattle.
Panorama von Seattle, Blick von einem Hügel in Queen Anne. Mit scharfen Augen lässt sich erahnen, dass der 150 km entfernte Mt. Rainier, halb in den Wolken verschwunden, im Hintergrund lauert. Übrigens lauerten auch hier zwei (inkl mir wohl drei) deutsch sprechende Menschen herum.

The Winner.
Elizabeth, Gewinnern des Golden Glove Award.
Team: Wacker Moppelbärenhausen AAA.

The Loser.
Markus nach einem missglückten Fang, mit schmerzverzerrtem Gesicht.
Team: Wacker Moppelbärenhausen A.

V. I. Lenin.
Leider etwas verschwommen wegen des Regenwetters am vergangenen Samstag, aber dies ist eine Statue von V. I. Lenin in Fremont, einem Stadtteil von Seattle, die ursprünglich im slowakischen Poprad stand. Wikipedia.

Achtung Nazis!
Politische Verirrung Teil II, im selben Stadtteil an einem Wohnhaus.

Donnerstag, 18. September 2008

Seattle #6 _ Eindrücke.

Weniger Worte, mehr Bilder. Seit etwas mehr als einer Woche bin ich jetzt hier, lange genug, um mich eingelebt zu haben, mich wohl zu fühlen, orientieren zu können, und kleine - aber angenehme - Routinen einschleichen zu lassen. Morgens stehe ich um 8h3o auf, verabschiede Elizabeth zur Arbeit, setze mich an den Laptop, lese und schreibe emails, lese die Zeitung und besuche meine Standardwebsites. Zwischendurch versuche ich weiterhin, mich mit Ophelia anzufreunden, was nicht richtig gelingt. In der einen Sekunde kuschelt sie mit mir, in der anderen faucht sie und schlägt nach mir mit der Pfote.

Zwischen 11 und 12 Uhr verlasse ich das Haus, nehme den Bus downtown, und lasse mich dort durch die Straßen treiben. Meistens steige ich an der Ecke 1st Ave/Pine Street aus, direkt am Pike Place Market, einem großen Markt mit Souvenirs, lokalem Obst und Gemüse sowie frisch gefangenem Fisch. Von der Bushaltestelle habe ich diesen wunderschönen Blick. Die Straße fällt steil ab, unten befindet sich der Markt, davor die Elliott Bay, in der Ferne der Puget Sound, der in den Pazifik mündet...

Pike Place Market.

Gegen 13 Uhr beginnt Elizabeth's Mittagspause, die wir gemeinsam (wenn ich daran denke, das Essen von zu Hause mitzubringen) entweder in einem Park verbringen, oder, so wie gestern, im veganen Hot Dog-Imbiss. Entsprechend unserer nationalen Vorlieben hat Elizabeth einen deutschen Hot Dog, im Grunde bestehend aus Brot, Bratwurst, Sauerkraut und Zwiebeln verspeist, ich dagegen einen Cajun Hot Dot mit Bohnen, Mais, Sellerie und Cayennepfeffer.

Gestern habe ich mir nach dem Mittagessen, ausgestattet mit einem ordentlich vollen Magen, dann noch die wunderschöne zentrale Stadtbücherei von Seattle angesehen, deren Architektur mir nur einen dauerhaft offenen Mund abringt. Heute abend liest dort Paul Auster - Grund genug, der Stadtbücherei einen weiteren Besuch abzustatten.

Seattle Public Library.

Gegen 16 Uhr komme ich meistens wieder nach Hause, mache den Abwasch, starte einen weiteren Versuch, das Herz von Ophelia mit Katzenfutter zu gewinnen, lese (im Moment das sehr, sehr empfehlenswerte The Kite Runner von Khaled Hosseini), und schaue das ein oder andere Baseballspiel, das ich in Deutschland wegen der Zeitverschiebung verpassen würde.

Gestern abend habe ich mich mit Elizabeth im industriellen Teil von Ballard getroffen, wo sie sich einen Baseball-Fanghandschuh kaufen wollte, damit wir uns im Park Bälle zuwerfen und fangen können. Es ist interessant, wie sich die Straßenzüge mit der Nähe zum Industriegebiet graduell verändern, je weiter südlich ich gehe: Die Häuser sind seltener renoviert oder neu gebaut, die Gärten weniger extraordinär, mehr Häuser scheinen vermietet zu sein. Dazu drei Photos... davon übrigens die beiden letzten vom selben Auto.

Ballard.

God Bless.

God Bless.

Zum Abschluss noch ein Leckerli. Elizabeth hat nämlich in den letzten Tagen, über mehrere Etappen verteilt, Cupcakes mit Mousse au Chocolat-Topping gemacht, deren visuelle Eleganz ich euch nicht vorenthalten möchte, vor allem natürlich, um euch neidisch zu machen...

Vegan Cupcakes.

Montag, 15. September 2008

Seattle #5 _ Samstag _ Sonntag.

View of Seattle
Nach einem ausführlichen vegan-amerikanischen Frühstück mit Pfannkuchen und Fleischküchlein aus der Pfanne, mit viel Kaffee und Ruhe, begann der Samstag Nachmittag mit einem Ausflug nach downtown, wo wir das water taxi, ein kleines Passagierboot bestiegen und über die Elliott Bay in Richtung Westen, nach "Alki Beach" geschippert sind. Wie auf obigem Bild zu sehen ist, ist das Wetter noch immer phantastisch, was vom Boot und nach dem Erreichen West Seattles, einer Halbinsel, die in den Puget Sound hineinreicht, uns einen tollen Blick auf die gesamte Stadt, auf die östlich und westlich verlaufenden Cascade und Olympic Mountain Ranges, aber auch auf den wunderschön, im Hintergrund lauernden Mt. Rainier erlaubte (s.u.).

Shipyards, Cruise Ship, Mt Rainier

In Alki sind wir einfach am Wasser entlang geschlendert, haben uns die wechselnde, sich stark verändernde Bebauung angeschaut, und sind dabei auch auf dieses Haus gestoßen, dessen Wohnungen, abgesehen von einer, offensichtlich noch nicht vermietet sind. Wäre doch eigentlich auch ganz nett, mit Blick auf den Puget Sound zu wohnen, oder?

Traumhaus

Squid and Ink
Photo: Squid and Ink.

Zu Ehren von Dirk's Geburtstag, der in der Wilhelma mit Sicherheit mit vielen veganen Leckereien angemessen begangen wurde, haben uns Elizabeth und ich dann gegen Abend mit dem Bus nach Süd-Seattle geschlichen, in den alten industriell geprägten Stadtteil Georgtown, in dem sich offensichtlich in den letzten Jahren mehr und mehr hippe Bars, KünstlerInnenateliers, Restaurants, Plattenläden, tattoo parlors, etc angesammelt haben. Die alten Backsteinhäuser sind wunderschön, und es ist interessant, sich diesen aufgefrischten Spielplatz junger Mittelklassekids vor 5o Jahren vorzustellen, als sich die working class hier nach der Arbeitsschicht dem Feierabendbier gewidmet hat. Wir hatten im Kalender von Seattle DIY ein Konzert in einem veganen Restaurant, dem "Squid and Ink" ausfindig gemacht, bei dem u.a. die aus Portland stammenden und von mir sehr geschätzten Drunken Boat hätten spielen sollen. Offensichtlich hatten diese aber abgesagt, so daß wir nur zwei der drei Bands sahen: Rvivr und Glue! Beide Bands waren nicht super originell - welche Band ist das schon? -, beide waren qualitativ nicht phantastisch, aber beiden Bands war anzumerken, wieviel Spaß sie dabei hatten, zu spielen. Auf mich hat sich diese Freude übertragen und ich hatte viel Spaß bei dem Konzert, das in einer alten Bar, die jetzt als veganes Restaurant von Punks betrieben wird, direkt am kleinen Flughafen der Boeing-Werke liegt.
Das Essen darf übrigens nicht unerwähnt bleiben: Elizabeth hatte einen sehr guten Tempeh Lettuce Tomato-Sandwich mit fries, ich einen unglaublich leckeren Fischsandwich ebenfalls mit fries. Zudem war der Laden herrlich unstylish und punk, eben kein veganes Restaurant, das versucht, möglichst schick und stylish jungen Professionellen zu imponieren.
Dass die Punk-Welt eine kleine ist, und eigentlich auch eine angenehm kleine, ist eine weitere Erfahrung des Abends, weil ich nämlich einen jungen Mann wiedererkannte (und er mich), der vor circa zwei Jahren mit seiner Band (Latterman) in unserer Tübinger 1-Sterne-Kaschemme übernachtete. Er spielt Gitarre und singt in der Band Rvivr.

Ballard Locks
Bild: Ballard Locks (Schleuse).

Nach einem sonntäglichen Spaziergang durch den historischen Teil von Ballard, zur Schleuse, durch den die Boote reicher und weniger reicher Leute von und zu ihren Liegeplätzen gelenkt werden, und den der sich auf dem Weg zu den Laichplätzen befindliche Lachs geschickt umkurven muss, haben wir den Abend bei Elizabeth's Eltern verbracht, die in einem nördlich von Seattle gelegenen Vorort leben, und die uns zu phantastischem selbstgemachtem blackberry pie und einem Besuch eingeladen hatten. Ich habe selten von einer hinter dem Haus gelegenen Veranda einen schöneren Ausblick gehabt, als von dort auf den Mondaufgang und auf die Cascade Mountain Range. Ganz abgesehen vom Kuchen und vom Ausblick war es sehr schön - trotz meiner Nervosität - Elizabeth's Eltern nach mehr als sechs Jahren wiederzusehen.

Samstag, 13. September 2008

Seattle #4 _ Dies das.

Samstag morgen. Kurz vor 9 Uhr. Da ich heute früh aufgewacht bin, habe ich mich entschieden, nicht mit notwendigen Routinen des deutschen Alltags zu brechen: Also habe ich im Internetlivestream die Schlusskonferenz der Fußball-Bundesliga gehört, nebenbei emails geschrieben, und meinen Kaffee mit Keksen verzehrt.

Jetzt bin ich halbwegs wach. Seit gestern früh habe ich von Caroline ihren Studierendenausweis mit eingbautem Semesterticket von der University of Washington, wo sie eingeschrieben ist, und kann so zwar illegal, aber kostenlos, mit dem Bus durch die Gegend jetten. Gleich an der Bushaltestelle bestätigt sich mein Vorurteil, dass es hier viel leichter ist, mit Fremden einfach und unverfänglich ins Gespräch zu kommen. Werde von einem aus Mexico stammenden Maler/Anstreicher angesprochen, der in Ballard in zu renovierenden Häusern, und davon gibt es viele, arbeitet, Er ist aber offensichtlich bei keiner Firma angestellt, sondern arbeitet auf eigene Faust. Was schließlich bedeuten muss: Kein regelmäßiges Einkommen, keine Versicherung, kein Schutz. Der andere Mitfahrer, der neben mir in der Haltestelle sitzt, nimmt ab und zu einen Schluck aus der in seiner Jackentasche versteckten Bierdose, bekommt kurz vor Abfahrt des Busses vom Maler eine Dollarnote zugesteckt.

Downtown, im Geschäftsbezirk, wo Elizabeth arbeitet, treffen wir uns vor ihrer Arbeitsstelle und entscheiden, die Mittagspause irgendwo draußen auf den Treppenstufen zu verbringen. Vorher machen wir aber noch Erledigungen für das Abendessen in einem gigantischen Whole Foods Bio-Supermarkt, der in einem gerade sanierten Stadtviertel zwischen downtown und der Südspitze des Lake Union liegt. Offensichtlich wurden große Teile der umliegenden Strassenzüge von Paul Allen, dem Mitbegründer von Microsoft gekauft, der dort ein riesiges Biotechnologiezentrum, Wohnungen, Geschäfte, eben ein ganz neues Stadtquartier errichten möchte. Ebenso wie in der low-income-neighborhood in Washington, DC, in der ich mein Praktikum gemacht habe, gehört klassischerweise auch ein Whole Foods zur Aufwertung und Yuppie-fication eines alten oder neuen Stadtteils.

Nach einer anschließenden kurzen Stippvisite im radikalen Buchladen Left Bank Books nehme ich den Bus von downtown zurück in Richtung Norden und stelle wieder einmal fest, dass sich das Publikum, das den Bus benutzt, signifikant unterscheidet von der Gesamtpopulation, die in der Innenstadt, meistens aus Jobgründen, unterwegs ist. Laut Elizabeth fächert sich diese Unterscheidung noch einmal auf: In Richtung Norden fahren verhältnismäßig viele Weiße, die südlich von downtown gelegenen Stadtteile werden aber fast ausschließlich von people of color frequentiert, und eben auch bewohnt. Gleichzeitig muss ich mir selbstkritisch die Frage stellen: Wo fühle ich mich am wohlsten? Auch wenn es mir unangenehm ist und ich mir wünschte, es wäre anders; die Antwort ist: In Gegenwart von Leuten wie mir: middle-class, weiß. Im Supermarkt, in "schönen" Stadtvierteln, bei Whole Foods, auf Indiekonzerten, in Coffeeshops.

Ciao,
markus

Freitag, 12. September 2008

Seattle #3 _ Urban Hiking.

Freitag morgen hier in Seattle. Die riesige Kaffeetasse wird gerade von mir zum zweiten Mal geleert und ich lasse mir, motiviert vom schwarzen Gold, den gestrigen Tag, die vergangenen Tage noch einmal durch den Kopf gehen.

Eigentlich klingt der Donnerstag relativ unspektakulär. Ich bin mittags aus dem Haus und habe einfach für eine Stunde, planlos, aber dank der schlauen quadratischen Organisation, gut orientiert, die Nachbarschaft erkundet, einen Coffeeshop ausfindig gemacht, mir die Häuser und Gärten von der Straße aus angeschaut. Bei 2o°C im Schatten, klarem Himmel und einer leichten Brise gibt es eigentlich fast nichts angenehmeres, als ein solcher Spaziergang, in dem neues Territorium erkundet wird. Besondere Freude stellte sich bei mir ein, als meine heimwehgeplagten Augen auf der Hauptstraße (Greenwood Ave.) die Kneipe Prost! entdeckten, ausstaffiert mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne und mit Spaten-Bier im Angebot. Leider öffnet Prost erst um 15h, so dass mein erster Besuch in meiner neuen Stammkneipe noch auf sich warten lässt. Stattdessen habe ich dann mit meinen Eltern telefoniert und bin dann, trotz fortschreitender Müdigkeit, wieder aus dem Haus, um mich, in Richtung Osten bewegend, zum Green Lake auf zu machen. Entlang des Sees schlendernd habe ichh erfolgreich versucht, den Nachmittags-Sport treibenden jungen Menschen auszuweichen, schließlich befand mein Ziel sich etwas südlich des Sees, und mit körperlicher Ertüchtigung hat ein veganer Donut-Shop, in dem ich Donuts für den abendlichen Nachtisch einkaufen wollte, eher weniger zu tun. Leider war das Angebot schon etwas ausgedünnt, demnächst werde ich also schon um 6 Uhr morgens losgehen, um die besten und dekadentesten veganen Donuts zu erwischen.

Das Abendessen war superlecker: Elizabeth hat Kichererbsen-Koteletts mit Gluten gemacht, ich ein etwas dünnes Curry, Caroline hat mitgegessen, was mir die Gelegenheit gab, sie ein bisschen besser kennenzulernen. Leider gestaltet sich das Kennenlernen mit Ophelia etwas schwieriger, dennoch ist eine leichte Annäherung von ihrer Seite zu erkennen, was mich darauf hoffen lässt, vielleicht in ein paar Tagen mit ihr kuscheln, und somit verdrängen zu können, dass ich vier Wochen ohne Coco auskommen muss. Gerade sitzt Ophelia schräg hinter mit im Fenster und schaut sich die Welt an - natürlich in der Sonne sitzend.

Am 11. September gestern waren übrigens recht viele stars and stripes-Flags an den Häusern zu sehen, meine etwas vollmundig angkündigte Medienanalyse fiel etwas dünn aus, weil ich an den Zeitungsautomaten feststellte, dass ich zu wenig Kleingeld hatte. Dennoch haben wir abends dann noch eine Stunde die eigentlich sehr gute (wenn auch anti-israelische) politische Radio-/Fernsehsendung Democracy Now! angeschaut, die natürlich einen Schwerpunkt auf 9/11 hatte. Inhaltlich ging es um ein Oral History Projekt in New York, wo Stimmen der Angehörigen Überlebender aufgezeichnet und gesammelt werden, außerdem um eine Organisation von Angehörigen, die bei den Anschlägen Familienmitglieder verloren haben, die in den Irak und nach Afghanistan gehen, um dort Opfer von US-Angriffen zu treffen. Es war eine ziemlich bewegende Sendung, die sich auf die individuellen Schicksale konzentrierte, aber die Angriffe auf das WTC eben in direkte Beziehung setzte zu Opfern, die der US War on Terror in Afghanistan und im Irak gefordert hat. Der Link zur Sendung ist hier.

Eine der interessantesten Erfahrungen der vergangenen Jahre, das sage ich ohne Übertreibung, war meine Unterhaltung mit einem älteren Ehepaar auf dem fünf Stunden dauernden Flug von Detroit nach Seattle. Wie genau wir ins Gespräch kamen, weiß ich nicht mehr, meine 24 Stunden andauernde Schlaflosigkeit mag ihren Teil zum Vergessen beigetragen haben, aber wir haben uns relativ schnell darüber unterhalten, dass ich aus Deutschland stamme, was ich an der Uni mache, und sie haben sehr offen, und auch offensiv, von sich erzählt. Sie sind offensichtlich sehr intelligente, gebildete, vielfältig interessierte Leute - mit politischen Ansichten, von denen ich in Deutschland immer nur als Klischee gehört habe: Rechte, ultrakonservative, evangelikale, waffenliebende (nach eigener Aussage BesitzerInnen von circa 15o unterschiedlichen Waffen) AmerikanerInnen. Sie waren aber eben nicht, wie mensch vielleicht erwarten würde, tumbe Hinterwäldler, die alles Fremde hassen, die nicht über ihren Tellerrand hinausblicken wollen oder können. Sondern ganz im Gegenteil, sie haben es geschafft, obwohl ich natürlich nicht annähernd mit ihren Ansichten konform gehe, mir ein sehr differenziertes Bild von sich zu vermitteln. Der ältere Herr, der früher als Mechaniker in einer VW-Werkstatt gearbeitet hat, hat vor knapp 4o Jahren, während des Vietnam-Krieges, als es schwierig war, Mechaniker zu finden, einen Mechaniker und politischen Flüchtling des Ba'ath-Regimes, der im Exil in den Niederlanden lebte, in die USA geholt. Gleichzeitig waren sie sich ihrer Rolle als rechte Außenseiter, die von einem großen Teil des Landes nur herablassend belächelt werden, sehr bewusst. Seit der Nominierung von Sarah Palin als Vize-Präsidentin, sollte McCain die Wahl im November gewinnen, habe ich mich gefragt, ob es McCain helfen oder schaden würde, sie, die z.B. in jedem Fall gegen Abtreibung wäre, nominiert zu haben. Meine beiden Sitznachbarn waren ganz offen und haben mir gesagt, dass sie, erst seitdem Sarah (nur beim Vornamen genannt, als sei es eine gute Bekannte: Nähe!) mit im Boot sei, seien sie sicher, McCain zu wählen, erst jetzt würden sie ihren Wahlkampfscheck ausfüllen. Eine spannende Unterhaltung, die ich nicht missen wollte, und die, so jedenfalls meine naive Vorstellung, mir erlaubt, die USA vielleicht ein wenig besser zu verstehen.

Falls sich jemand wundert, ob ich außer Tagebuchschreiben hier sonst noch etwas mache: Ja. Das Tagebuch ist auch für mich, als Ort, an dem ich meine Erlebnisse aufschreibe, und gleichzeitig "verarbeite", spannend.

Alles Liebe,
markus

Donnerstag, 11. September 2008

Seattle #2 _ Erster Tag.

Mein erster Tag in Seattle ist bereits rum, hier ist es halb 1o am Donnerstag morgen, ich sitze mit meinem Laptop und Kaffee am Frühstückstisch, Ophelia betrachtet die Welt aus dem sonnigen Fenster. Zeit, aus meinem Gedächtnis den gestrigen Tag wieder hervorzukramen und zusammenzufassen. Nach dem dringend benötigten Schlaf - schließlich war ich 3o Stunden lang fast ununterbrochen unterwegs und fast ebenso lange wach, habe ich zunächst mein Gepäck organisiert - in dem sich so wichtige Dinge wie mein Baseball-Fanghandschuh und mein Laptop befinden - versucht, mich mit Ophelia anzufreunden, und bin dann schließlich um halb 12 mit dem Bus die halbstündige Strecke nach Downtown Seattle gefahren, wo ich zunächst rumgelaufen bin, mich orientiert und schließlich Elizabeth um 13 Uhr zu ihrer Mittagspause getroffen habe.

Texas Rangers @Seattle Mariners _ 7-8 _ 2oo8_o9-1o

Dass ich mich sehr für Baseball interessiere und in den letzten Jahre eine Leidenschaft für diese Sportart entwickelt habe, wird - sehr zu ihrem Leidwesen - nur den wenigsten meiner Freundinnen und Freunde entgangen sein. Natürlich ist es nicht der Anlass meiner Reise, hier die Baseball-Szene intensiver zu studieren, aber, wer sich sonst fast alle Heimspiele der Tübingen Hawks in der 2. Bundesliga Süd vor 50 ZuschauerInnen anschaut, und daran sogar Spaß hat, für den ist ein Trip nach Seattle, wo die Seattle Mariners beheimatet sind, das Eintauchen in das Paradies. Dabei sind die Mariners, die vor diesem Jahr als Geheimfavoriten gehandelt wurden, alles andere als erfolgreich. Nach den San Diego Padres und den Washington Nationals sind sie das drittschlechteste Team aller 3o Major League Baseball Teams, was mich dennoch nicht davon abhalten konnte, das gestrige Nachmittagsspiel der Mariners gegen die Texas Rangers anzusehen. Eigentlich war mein Plan, die für $8 günstigsten Tickets zu kaufen, mir das Spiel und das Stadion anzusehen, einfach in die Atmosphäre einzutauchen, Elizabeth hatte jedoch morgens erfahren, dass jemand, der in ihrem Gebäude arbeitet, ein Ticket umsonst abzugeben hätte, das ich mir nie und nimmer hätte leisten können, was mich in die erfreuliche Situation brachte, einerseits keinen Cent für das Spiel zu bezahlen, andererseits einen phantastischen Platz in der 14. Reihe direkt an der dritten Base zu haben. Natürlich kann ich in Tübingen, wenn die Hawks zum Beispiel gegen die Erbach Grasshoppers oder Ingolstadt Schanzer antreten, Logenplätze für niente einnehmen, Kaffee, Cola und Pommes für wenig Geld in mich hineinschütten. Auf einem Platz zu sitzen, der normalerweise $6o kostet, wo die Getränkeverkäufer, die riesige Wannen gekühlter Getränke durch die Reihen schleppen, $7.25 für ein Bier nehmen (von denen sie - wieviel genau - selber bekommen?), ist dann aber schon ein kleiner Kulturschock. Ganz davon abgesehen, dass die Qualität des dargebotenen Spiels ein bissle besser ist, und dass Spieler wie zum Beispiel der japanische Superstar Ichiro Suzuki bei den Mariners in diesem Jahr knapp $17,ooo,ooo verdienen, und nicht kostenloses Bier und kostenlose Burger, wie die Topstars der Tübingen Hawks. (Bitte versteht mich nicht falsch: Es ist toll, zu den Hawks gehen zu können, und ich fühle mich dort sehr, sehr wohl!)
In der Major League Baseball ist es - anders als beispielsweise in der Fußball-Bundesliga - nicht so, dass die Superstars zwangsläufig alle bei den New York Yankees/Bayern München spielen. Nicht nur, dass es ein ausgeklügeltes (Ausgleichs-)System gibt, in dem die am schlechtesten platzierten Teams im kommenden Jahr im draft genannten Prozess die talentiertesten jungen Spieler aus High Schools und den Colleges verpflichten können, eigentlich hat jedes Team, eben auch die Arminia Bielefelds und Energie Cottbus' dieser Liga, mindestens einen Superstar, der horrende Summen verdient. Dabei ist ein Vertrag für Ichiro Suzuki in Seattle nicht nur ein sportlicher Gewinn, sondern auch ein nicht zu unterschätzender wirtschaftlicher. Es wäre interessant, herauszufinden, wieviel Geld in Seattle und bei den Mariners durch Ichiro-Merchandise verdient wird, und wieviele japanische Touristen, die - Seattle liegt ja auch noch perfekt an der Pazifikküste - ein Spiel der Mariners ansehen und dort Geld ausgeben. Neben Ichiro ist Catcher Kenji Johjuma ein weiterer in Japan geborener Star der Seattle Mariners. Auffällig war für mich auf jeden Fall, auch wenn das Nachmittagsspiel zweier eher weniger guter Teams auch eher weniger gut besucht war, dass viele Gruppen, v.a. japanischer Teenager mit handgemalten Schildern mit japanischen Schriftzeichen, über das wunderschöne Stadion verstreut waren. Zwei weitere Dinge sind übrigens wunderschön hier: Die ganze Zeit fliegen Möwen herum. Und, da Safeco Field (benannt nach einem Versicherungskonzern) in der Nähe des Bahnhofs liegt, gibt es eine schöne, irgendwie ja auch romantische Geräuschkulisse vorbeifahrender und hupender Personen- und Güterzüge.

Texas Rangers @Seattle Mariners _ 7-8 _ 2oo8_o9-1o
Bild: Blick von meinem Platz auf das Spiel.

Ich werde euch mit Einzelheiten über das Spiel, das die Mariners trotz katastrophaler Pitchingleistung (vier Homeruns für Texas) knapp mit 8-7 gewonnen haben, verschonen - wer dennoch etwas lesen will, kann das hier tun - was aber aus meiner Sicht auf jeden Fall noch erwähnenswert ist, ist das unglaublich vielfältige Catering-Angebot mit den entsprechend hohen Preisen. Baseball-Spiele anzusehen ist - im Gegensatz wiederum zu Deutschland - ein sehr teures Vergnügen. Abgesehen von den Tickets, kosten Getränke von $4 an aufwärts, Essen ist noch einmal teurer. Dafür ist die Auswahl aber nicht zu verachten. Nicht nur Knoblauch-Pommes und die Standard-Hot Dogs und Peanuts gibt es, auch das Verspeisen diverser Seafood-Varianten bietet sich an, wobei die nach dem Mariners-Star benannte Ichiroll wohl das alberne Highlight dieser upscale-Verirrung darstellt. Wer sich über die kulinarischen High- und Lowlights in der MLB informieren möchte, kann es in diesem merkwürdigen Artikel in der New York Times tun. Anzumerken ist neben dem class- auch der race-Aspekt. Nun ist Seattle/der Nordwesten ethnisch definitiv homogener als der Osten, insbesondere viel homogener als Washington, DC, wo ich 2oo4 ein halbes Jahr zugebracht habe, dennoch ist es wichtig zu bemerken, dass das Publikum in Safeco Field zu 75% weiß ist, das Service-Personal allerdings zu 75% african american.
Soviel zu gestern und meinen pseudo-intellektuellen Baseball-Rants. Mindestens ein weiteres Spiel werde ich im September noch besuchen, dazu aber später mehr.

Texas Rangers @Seattle Mariners _ 7-8 _ 2oo8_o9-1o

Texas Rangers @Seattle Mariners _ 7-8 _ 2oo8_o9-1o
Photo: Auf dem Rückweg vom Stadion in die Innenstadt.

Hier noch ein Blick auf Downtown: rechts sind die Ausläufer des ebenfalls neuen und öffentlich finanzierten Footballstadions zu sehen, links die vorher für diesen Stadtteil charakteristischen Backsteinhäuser. Es wird interessant sein, zu sehen, wie sich der Stadtteil, früher offensichtlich ein Handels- und Industriedistrict, in ein paar Jahren verändert haben wird, viele der alten Lagerhäuser, die noch immer dort stehen, werden gerade renoviert. Mein Tipp ist, dass sich dort demnächst teure Sushi-Restaurants, Bars, etc. ansiedeln werden, die der upscale-Kundschaft, die sich dort zu Konzerten sowie Sport-Events zusammen findet, dienen werden.

Der heutige Tag konzentriert sich wohl vor allem auf leibliche Genüsse. Wenn ich heute nachmittag aus dem Haus gehen werde, um Ballard, die Nachbarschaft, in der Elizabeth wohnt, anzusehen, befindet sich ein detaillierter Plan in meiner Tasche, wie ich den Vegan Donut Shop ausfindig machen kann. Außerdem: Heute ist der 11. September und als Mediennerd bietet es sich an, eine ausführliche Medienanalyse der diversen Zeitungen (die übrigens im Gegensatz zu deutschen Zeitungen wirklich günstig sind) anzustellen. Heute abend gibt es dann zum Abendessen höchstwahrscheinlich delikate Kichererbsen-Cutlets/Koteletts - ehe der Abend für mich wahrscheinlich ungefähr so enden wird wie gestern, als ich um halb 1o abends eingenickt bin. Jetzt aber weg vom Computer.

it used to be harder to tell.

and now i am talking crap on ___ moppelberrypie.wordpress.com ___ bye.

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